Abnormitäten

Part 4

Chapter 43,487 wordsPublic domain

Baldwin ist in ganz Amerika als der »einzige lebende Mensch mit dem gebrochenen Genick« bekannt und zeigt sich heute noch öffentlich. In seiner Glanzperiode bezog er nicht selten eine _wöchentliche_ Gage von dreihundert Dollar (etwa 1300 Mark), während er jetzt mit zwanzig bis dreissig Dollar per Woche gern zufrieden ist, da er, als zu bekannt, seine frühere Zugkraft verloren hat. Er hat ein grosses Vermögen an Gagen bezogen, lebte jedoch sehr splendid mit seiner Familie, so dass er jetzt mittellos dasteht und durch die kleinen Gagen einen nur kümmerlichen Lebensunterhalt erwirbt.

(Noch in den siebziger Jahren reiste in Deutschland ein bereits alter Mann, dessen Kopf ebenfalls in einer »Schwebe« hing, deren Construction der vorbeschriebenen im wesentlichen genau glich. Er war einst einer der berühmtesten »Spring-Clowns« seiner Zeit und von den grössten Kunstreiter-Gesellschaften ein begehrtes Mitglied. Einst landete er nach einem Sprunge so unglücklich, dass er die Wirbelsäule des Halses brach. Da aber das Rückenmark unverletzt geblieben, er somit lebensfähig, aber nicht nur für seinen früheren Beruf, sondern auch für jede andere Arbeit unfähig geworden war, so reiste er zur Zeit in Deutschland umher und verkaufte in Wirthschaften jeglicher Güte couvertirte »Planeten«, nachdem er die Gäste in kauderwelschem Deutsch mit seinem »Malheur« bekannt gemacht und ihnen die Maschine an seinem Körper, in der der Kopf hing, gezeigt hatte, um eine bescheidene Existenz fristen zu können. Leider kann der Name nicht mehr festgestellt werden, der in der Künstlerwelt einst einen hervorragenden Klang hatte.)

Hermann

der Knabe mit der Wunderhand

ist ein echtes »Berliner Kind« von ca. elf Jahren. Die abnorme Gestaltung seiner »Wunderhand« ist durch das Cliché so instructiv illustrirt, dass von einer Detaillirung des abnormen Zustandes Abstand genommen werden kann.

Ist die Hand auch beweglich, so kann der Knabe sie doch zu keinerlei Verrichtungen, und wären es die unbedeutendsten, gebrauchen. Als er im Sommer 1895 in Castan's Panopticum in Berlin ausgestellt war, da liess Herr Director Louis Castan es sich schon angelegen sein, ihn zum Bewegen der Hand, zum Halten und Tragen von Gegenständen verschiedenster Art und zu sonst anderen Verrichtungen unterweisend anzuhalten, und mit Ausdauer durchgeführt, werden durch diese Uebungen auch unfehlbar günstige Resultate erzielt, ist doch die Hand viel vollständiger entwickelt wie z. B. bei Kobelkoff, dem nur ein ganz unbedeutendes Fingersegment zu Gebote steht.

Obwohl eine nicht unbedeutende Abnormität, ist der Knabe bis jetzt doch keine grosse Sehenswürdigkeit.

Eli Bown

der Mann ohne Beine

ist eine der beliebtesten Schau-Nummern in ganz Amerika. Er ist hochgebildet, hat eine grosse Familie (sein ältester Sohn ist Rechtsanwalt) und erfreut sich eines ziemlichen Wohlstandes. Jetzt etwa 48 Jahre alt, tritt er bereits seit seinem sechszehnten Lebensjahre öffentlich auf und bezieht auch heute noch bedeutende Gagen.

Mr. Bown besitzt vollständig normal entwickelte Füsse, die jedoch direct an den Hüftengelenken stehen. Er schreibt mit dem linken Fusse, greift Gegenstände mit den Zehen desselben und ist auch ein nicht unbedeutender Akrobat. Er bedarf nicht der geringsten Hülfe, bewegt sich allein auf den Strassen, besteigt die Strassenbahnen mit Leichtigkeit und besitzt ein ausserordentlich heiteres Temperament. (Vor vielen Jahren lebte eine junge Dame in Westpreussen, die ebenfalls keine Beine, sondern nur Füsse hatte; sie trat nicht öffentlich auf und war so hülflos, dass sie stets in einem Krankenstuhle gefahren werden musste.) Mr. Bown besitzt eine ungeheure Kraft in den Armen, deren Muskeln von Stahl zu sein scheinen.

Die jetzt etwa zehn Jahre alte Photographie, die als Original zu dem Cliché diente, zeigt Mr. Bown mit seiner ganzen Familie.

Wilhelm und Hulda

die »Fett-Kinder«

sind ein Geschwisterpaar, wie man es nicht oft findet. Die Eltern sind einfache Fischersleute in Ostfriesland und haben ausser diesen beiden Kindern noch drei, die ganz normal gestaltet sind. Die Ueberfettung der beiden Kinder ist nicht, wie man anzunehmen geneigt sein dürfte, die Folge eines krankhaften Zustandes, im Gegentheil erfreuen sie sich der besten Gesundheit und ist das Fleisch ihrer Körper fest und gesund. Sie werden seit längerer Zeit auf dem Continent zur Schau ausgestellt.

Eugène Berrey

der Mann mit dem Riesen-Fuss

ist eine etwas abschreckende Schaunummer und im Jahre 1872 in der Stadt Indianapolis geboren. Der Riesenwuchs seiner Füsse war schon bei seiner Geburt vorhanden und mit der progressiven Zunahme seines Körpers nahmen auch seine Füsse progressiv zu und wurden immer grösser und grösser, so dass sein linkes Bein z. B. heute ein Drittel seines ganzen Körpergewichtes, nämlich dreiundvierzig Pfund, repräsentirt.

Mr. Berrey hat sich einen gewissen Grad von Bildung angeeignet, spricht auch etwas Deutsch und Französisch und ist sehr liebenswürdig in seinem Umgange. Seit etwa sechs Jahren steht er vor der Oeffentlichkeit und ist als der Mann mit den »Trilby«-Füssen bekannt. Seine Gagen sind nicht bedeutend, ermöglichen ihm aber trotzdem ein comfortables Leben, und mit Recht kann man von ihm sagen: »Mr. Berrey lebt auf grossem Fusse!«

Miss Maggie

die dreibeinige Dame

die das nächste Cliché zeigt, war, wie so manches andere in Amerika, auch »Humbug«.

»Vor etwa drei Jahren (also 1896)«, so berichtet mein Gewährsmann, »wurde von einem bedeutenden Museum in der Bowery in New York unter denkbarstem Hochdruck der Reclame als grösstes aller Naturwunder der Welt eine »Dame mit drei Beinen« annoncirt. Der Zulauf war ein ganz enormer, und auch ich, wenngleich mit etwas zweifelhaftem Vorgefühl, entschloss mich zu einem Besuch.

Nachdem mehrere »Specialitäten« von geringem Werth vorgestellt waren, erschien der »star« des Programms, die »Dame mit den drei Beinen«, in Gestalt eines kräftig gebauten, munteren Mädchens, das in einem Sessel sass und unter dessen Kleidern auch wirklich drei Füsse sichtbar waren.

Beim Vortrage des Explicators stand das Mädchen auf, hob die Kleider fast bis zu den Knieen empor und bewegte jedes der drei Beine in der natürlichsten Weise. Trotzdem jede Täuschung ausgeschlossen schien, wurde »Humbug« doch das »geflügelte Wort«, dem ein Theil des Publicums unverhohlen Ausdruck gab, während der andere Theil der festen Ueberzeugung war, ein wirklich echtes, unverfälschtes Naturwunder vor sich zu sehen; meine personellen Ansichten über das Pro und Contra hatten jedoch noch keine bestimmte Richtung angenommen. Wie so oft schon, trat aber auch hier der Zufall entscheidend auf. Einige Zeit später passirte ich nämlich Nachts elf Uhr Bowery, um mich in mein Hotel zu begeben. Vor dem »Museum« angelangt, trat aus dem Portal desselben eine Dame am Arme eines jungen Mannes heraus, an deren äusserer Erscheinung nicht nur, sondern auch an deren eigenthümlichem Lachen ich die »dreibeinige Dame« sofort wieder erkannte. Um mir jedoch volle Gewissheit zu verschaffen, folgte ich dem Paar unbemerkt eine ziemliche Strecke weit und hörte nun aus dessen Unterhaltung, dass ich mich nicht getäuscht, sondern die Dame mit den drei Beinen leibhaft vor mir sah, dass sie jedoch jetzt gerade so gut wie jeder andere normale Mensch auch nur »zwei« Beine hatte. Und »Humbug« tönte es höhnend durch den kalten Nachtwind.«

George Woodstock

der Mann mit dem Riesenbart

behauptet, den längsten Bart der Welt zu besitzen. Er ist ein geborener Irländer, jedoch von seiner Kindheit an in Amerika und hat ein schönes Bauerngut in Marshalltown, Iova. Sein Bart hat die respectable Länge von acht Fuss und drei Zoll und ist dunkelbraun; damit er ihm bei der täglichen Verrichtung seiner Haus- und Feldarbeiten nicht hinderlich ist, wickelt er ihn während derselben sorgsam zusammen und verbirgt ihn unter der Weste auf seiner Brust.

Mr. Woodstock ist niemals öffentlich aufgetreten und wird es auch nicht, obgleich er bereits manche gute Offerte erhalten hat.

(In den vierziger Jahren lebte in Deutschland ein ganz kleiner verwachsener Mann, der auf dem Rücken und der Brust bedeutende Buckel hatte. Der auf der Brust stationirte hatte hervorragend monstrose Dimensionen, war aber kein wirklicher Buckel, sondern der zusammengewickelte und unter der Weste verborgene grosse Bart des kleinen Mannes, der eine Länge von über elf (!) Fuss rhein. hatte. In einem Testamente hatte der Mann verfügt, dass seine Gesichtshaut sammt dem Barte nach seinem Tode abgelöst und dem Universitäts-Museum in Bonn zur Aufbewahrung übergeben werden solle. Dieser »letzte Wille« wurde denn auch buchstäblich erfüllt, das bezeichnete Museum trat die Erbschaft an und wahrscheinlich ist der Riesenbart heute noch als Curiosität in demselben zur Schau ausgestellt. -- Leider können der Familienname des Mannes und die Ortsnamen heute nicht mehr festgestellt werden.)

John Darrington

das lebende Skelet

ist in einer kleinen Stadt Connecticuts (Nord-Amerika) geboren und jetzt etwa achtunddreissig Jahre alt. Bis zu seinem sechsundzwanzigsten Jahre erfreute er sich der besten Gesundheit, zog sich aber infolge einer Erkältung ein chronisches Magenleiden zu, so dass er in ganz verhältnissmässig kurzer Zeit zum Skelet abgemagert war.

Da er keinerlei Arbeiten mehr verrichten und auch Niemanden hatte, der ihm Hülfe bieten konnte, so reifte in ihm der Entschluss, sich als »lebendes Skelet« sehen zu lassen, und er hatte auch Erfolg damit. Nicht der Einzige dieses Genres, ist seine Gage auch stets nur gering, reicht jedoch bei seinen bescheidenen Ansprüchen aus, ihm eine sorgenlose Existenz zu schaffen, so dass er nach seiner eigenen Versicherung mit seiner jetzigen Lage vollständig zufrieden ist.

John Chambert

der Mann ohne Arme

wurde 1854 in London geboren und kam ohne Arme zur Welt. Wie alle anderen Fusskünstler, unter denen jedoch Herr C. H. Unthan der geschickteste ist, verrichtet auch Mr. Chambert alle Arbeiten mit den Füssen, die normale Sterbliche mit den Händen ausführen. Er bedient sich selber beim Essen und Trinken, kleidet sich an und aus, rasirt sich, schreibt ausgezeichnet, spielt mehrere Instrumente, schiesst, hämmert, sägt, hobelt etc. etc.

Seit seinem achtzehnten Lebensjahre zeigte er sich dem Publicum in Museen etc., noch nicht ganz zwanzig Jahre alt, verheirathete er sich, zog sich vom »show« zurück und eröffnete in London ein kleines Cigarren- und Tabak-Geschäft. Er wurde Vater von drei Töchtern, und als diese erwachsen waren, übergab er ihnen das Geschäft und kehrte zum »Show-Leben« zurück. Vor etwa vier Jahren verlor er seine Gattin durch den Tod, verheirathete sich jedoch im Februar 1899 zum zweiten Male und führt mit seiner jungen hübschen Frau, die ihren »John« von Herzen lieb zu haben scheint, ein recht glückliches Familienleben.

James Morris

der Mann mit der Gummihaut

ist am 1. September 1859 in Boston, Massachusetts (Amerika), geboren. Als Sohn armer Eltern erlernte er das Barbierhandwerk. Seit seiner Kindheit war er im Stande, seine Haut zu bedeutender Länge vom Körper zu ziehen und oft that er das zum Vergnügen seiner Kameraden. Eines Tages sagte einer derselben zu ihm: »Morris, warum lässt Du Deine Kunst nicht für Geld sehen?« Diese Worte waren bei Morris auf fruchtbaren Boden gefallen: eines Tages stellte er sich dem Besitzer eines Museums, J. E. Sackett, in Providence, Rhode Island, vor und wurde von demselben sofort für ein Jahr engagirt.

Seit der Zeit -- im Herbst 1882 -- war sein Glück gemacht, denn während vier Saisons war er die Haupt-Attraction von Barnum's Side Show und erhielt eine Wochengage von 150 Dollars. Leider ist Morris ein Gewohnheits-Trinker und -Spieler, und statt heute ein Vermögen zu besitzen, muss er noch auftreten, um sich ernähren zu können.

Seine Vorführung ist die beste in diesem Fache. Er kann z. B. die Haut von seiner Brust bis zum Kopfhaar hinaufziehen, die Haut der Backen kann er bis zu acht Zoll ausdehnen, und mit der Haut des einen Beines kann er das andere bedecken.

Mr. Morris ist in allen Museen und bedeutenden Circusunternehmungen Nord-Amerikas aufgetreten und befindet sich zur Zeit mit Count Orloff's Abnormitäten-Truppe auf Tournée durch England. Er ist unverheirathet, sehr gebildet und ein überaus gewandter Erzähler, als der er denn auch in jeder Gesellschaft erwünscht und beliebt ist. (Die Dehnbarkeit der Haut ist die Folge einer Krankheit der Zellengewebe derselben, die sich auf andere Organe des Körpers nicht überträgt.)

Angelotti

der Mann mit den Elephanten-Füssen

ist eine Abnormität, die sich besser für ein Krankenhaus, als für ein Vergnügungs-Etablissement eignet. Er kam vor etwa einem Jahre als der einzige gerettete Passagier einer kleinen Kohlen-Barke, die auf offenem Ocean gesunken war, mit einem Ocean-Dampfer in Liverpool an, und da in den bezüglichen Zeitungsberichten zugleich als Merkwürdigkeit bemerkt war, dass der gerettete Passagier »Elephantenfüsse« habe, so suchte Director Crouch ihn auf und engagirte ihn für seine Etablissements.

Angelotti ist ein dunkelbrauner Neger, und haben seine unförmigen Füsse, die einen recht zurückstossenden Anblick bieten, wirklich eine grosse Aehnlichkeit mit Elephanten-Füssen. Dieser anormale Zustand hat seinen Grund in der sog. Elephantiasis (Knollsucht), einem bösartigen, doch nur selten auftretenden Aussatze, durch den die Beine und Füsse mit einer, der Elephantenhaut ähnlichen, dicken, knolligen Decke überzogen werden. Trotzdem erfreut der Mann sich des besten Wohlbefindens, und so lange er sein Essen und genügend Rauch-Tabak bekommt, fühlt er sich ganz glücklich. Er ist unverheirathet und etwa vierzig Jahre alt.

James Wilson

der einzige Brust-Expansionist der Welt

kann als ein Wunder der Natur bezeichnet werden. Er ist in Belfast, Irland, geboren, erlernte das Schmiede-Handwerk, betrieb es bis zu seinem dreissigsten Lebensjahre und war nicht nur wegen seiner colossalen Kräfte, sondern mehr noch wegen seiner mächtigen Brust allgemein bekannt. Nicht ganz einunddreissig Jahre alt, wanderte er nach Amerika aus und arbeitete auch dort als Schmied.

Da sah er in einem Museum in New-York einen Mann, der durch das Ausdehnen seiner Brust fest um dieselbe gebundene Stricke zerriss. In seine Wohnung zurückgekehrt, versuchte auch er den »Tric« und fand, dass er sogar breite Lederriemen zerreissen konnte, und als es ihm durch fortgesetzte Uebung endlich auch gelang, eiserne Ketten zu zersprengen, da sagte er dem Schmiede-Handwerk Valet, ging zum »Show« über und trat zum ersten Male in Barnum's »grösstem Circus der Welt« auf; »seine Arbeit« erregte Sensation in ganz Amerika. Im Jahre 1889 gewann er in einem Match nicht nur die grosse Medaille, sondern auch den Champion-Gürtel der Welt, da er seine sämmtlichen Rivalen überbot.

Im Jahre 1891 kam er mit dem Barnum-Circus nach London, kehrte nach beendeter Saison jedoch mit demselben wieder nach Amerika zurück. Im December 1895 trat er zum ersten Male auf dem Continent und zwar in Hornhardt's Etablissement in Hamburg auf, ging von dort ans Apollo-Theater in Berlin und unternahm dann eine kurze Tournée durch Deutschland. Da er jedoch nur englisch spricht, so fühlte er sich in Deutschland zu sehr verlassen und kehrte im October 1896 nach Amerika zurück, wo er zur Zeit wieder mit amerikanischem Circus auf Tournée ist.

Lady Dot

das kleinste Mädchen der Welt

war eine recht liebliche Erscheinung und das Ebenbild der weltberühmten Zwergin »Prinzess Pauline«, nur, dass diese noch etwas kleiner war.

Lady Dot war im Jahre 1880 in Hanley, England, geboren und wog bei ihrer Geburt nur 140 Gramm. Trotzdem die Aerzte behaupteten, dass das Kind nicht lebensfähig sei, gelang es der Mutter doch, dasselbe am Leben zu erhalten und schon von sieben Monaten an wurde es als Schau-Object öffentlich ausgestellt. Lady Dot lebte bis zu ihrem fünfzehnten Lebensjahre und starb infolge einer heftigen Erkältung. Kurz vor ihrem Tode wog sie etwas über neun Pfund und war neunzehn Zoll hoch. Sie hatte vier normale Geschwister.

Edith

das Riesen-Kind

verdient diese Bezeichnung mit Recht, denn es war wirklich ein solches. Es wurde am 8. Januar 1888 geboren und wog bei seiner Geburt über neun Pfund, und da es sich der besten Gesundheit erfreute, so wurde es schon in einem Alter von fünf Monaten ausgestellt. Das Cliché zeigt das Kind im Alter von 1¼ Jahr, welch letzteres da schon ein Gewicht von zweiundsiebzig Pfund erreicht hatte. Das war sein Höhepunkt, denn kurze Zeit darauf erkrankte es schwer an den Masern und magerte furchtbar ab, und als es wieder gesund geworden war, da war es kein Riesenkind mehr und wuchs als ganz gewöhnliches normales Kind seines Alters auf. Jetzt ist es ein hübsches neunjähriges Mädchen, das in Swansea, South-Wales (England) die Schule besucht.

Achmed Aratas

der unverwundbare Fakir

wurde 1872 in Oesterreich geboren. Kaum fünf Jahre alt, verliessen seine Eltern die Heimath mit ihm und wanderten nach Persien aus, wo sie bald dem gelben Fieber erlagen. Des verwaisten Knaben aber nahm sich ein Einsiedler, Namens Abbed an, bei dem er bis zu seinem vierzehnten Jahre lebte und der ihn in sämmtliche Künste und Kunstgriffe der Fakire einweihte, in denen er so grosse Fortschritte machte, dass er einst zum Schah Nasser-Ed-Din berufen wurde, um sich vor diesem zu produciren, und der ihm dann den Hausorden, welcher an rothem Bande um den Hals getragen wird, verlieh. Endlich kehrte Aratas wieder nach seiner Heimath zurück und wurde bald eine sehr gesuchte Attraction für Variété-Theater etc.

Seine Productionen bestehen in Folgendem: Durch Einathmen von Dämpfen, deren Erzeugung sein Geheimniss ist, versetzt er sich in einen quasi hypnotischen Zustand, dann beginnt er mit Kopfschütteln und Verdrehungen und Verrenkungen des Körpers, bis er einem Schwindelanfalle nahe ist. In diesem Stadium soll sein Körper in gewissem Grade gefühllos sein, so dass er von den Schmerzen, die ihm seine Productionen verursachen, fast gar nichts empfindet.

Dann folgen die Selbstpeinigungen: Er sticht sich vier bis sechs lange spitze Dolchnadeln durch den einen Ober- und Unterarm; man sieht, wie sich die Haut dehnt, bevor die Spitzen der Nadeln hindurchdringen. Dann geht er, um etwaige Zweifel zu heben, unter das Publicum und lässt von einer beherzten Person die Nadeln wieder langsam und vorsichtig aus dem dicken Fleische herausziehen.

(Dieselbe Lieblingspassion hatte 1851 die dreizehnjährige Tochter eines Kaufmanns in Demmin in Pommern, die sich oft mit zwölf und oft mit noch mehr Stecknadeln die Innen- und Aussenseiten der Hände spickte, ohne dass auch nur ein Tropfen Blut zum Vorschein gekommen wäre. Auf die Frage: »Ob sie keine Schmerzen dabei empfinde«, antwortete sie: »Nein, nur ein heftiges Jucken, wenn die Nadeln wieder herausgezogen sind, sonst nichts«.)

Dann folgt das Durchstechen der Backen, des Halses und der Zunge, und damit die allgemeine Annahme widerlegt werde, dass er die Nadeln durch alte verwachsene Löcher steche, lässt er sich die Zunge auch von einem Arzte unter den Zuschauern durchstechen. Dann schlägt er sich mit einem hölzernen Hammer eine Nadel mit grossem Kopfe unter dem Bauchnabel regelrecht in den Leib, und dann lässt er sich von zwei ziemlich grossen Schlangen in Hals und Arme beissen. Zum Schluss hält er seinen nackten Arm etwa fünf Minuten lang in die hochauflodernde Flamme einer Fackel. -- Aratas ist ein schöner Mann. Trotzdem seine Productionen hochinteressant sind, so haben sie doch etwas Abschreckendes, Zurückstossendes für viele Zuschauer.

Die Mac-Mahon-Kinder

stehen insofern wohl als Seltenheit da, als sie und ihre sämmtlichen Geschwister Albinos sind und von Neger-Eltern abstammen. Sie wurden vor fünfzehn Jahren in Troy, Staat New-York, geboren und von ihren Eltern schon von frühester Kindheit an öffentlich ausgestellt. Die Eltern haben sich dadurch ein kleines Vermögen erworben und leben seit einiger Zeit mit den Kindern in stiller Zurückgezogenheit auf einer hübschen Besitzung in ihrer Heimath. Den Kindern wird das Haar stets ganz kurz geschnitten, und sollen dieselben nie wieder als Schau-Objecte functioniren. -- Leider giebt es nicht viele so vernünftige Eltern, die auch an das Wohlergehen ihrer Kinder denken und sie nicht bis zum Lebensende ausnützen.

Katy Clary

die Riesen-Dame

ist weniger ihrer eigenen Grösse, wie ihrer kleinen Schwester wegen eine gesuchte Attraction. Miss Katy ist nämlich fünf Fuss und zwei Zoll hoch und wiegt 460 Pfund, ihre Schwester ist dagegen nur zweiunddreissig Zoll hoch und wiegt trotzdem 172 Pfund. Miss Rosa, die Zwerg Riesin, ist zwei Jahre älter, als ihre grosse Schwester.

Sie sind in Nord-Amerika geboren, bereits seit längerer Zeit auf Reisen, absolviren Engagements in allen bedeutenden »Shows« und beziehen verhältnissmässig hohe Gagen.

Marquis Wolga und Marquise Louise

das »Königspaar der Liliputaner«.

Zwerge giebt es zur Zeit ja eine Unmasse, wirklich gute dagegen aber nur sehr wenige, und von diesen zeigt das Cliché ein paar Hauptrepräsentanten. Der kleine Herr Marquis Wolga ist am 2. September 1857 in Ungarn geboren. Seine Eltern sind absolut normal gebaut, desgleichen seine fünf Schwestern. Bei seiner Geburt war er nur etwa neun Zoll gross und wog nicht ganz zwei Pfund, jetzt ist er achtundzwanzig Zoll gross und wiegt circa sechszehn Pfund. Sein Aeusseres ist sehr sympathisch und die Intelligenz seines Gesichtes wird durch einen hübschen Schnurr- und Knebelbart sehr wirkungsvoll unterstützt.

Die jetzt neunundzwanzigjährige Marquise Louise ist von dänischer Abkunft, aber in Samara in Russland geboren, und sind auch ihre Eltern sowie ihre sieben Geschwister nicht nur normale, sondern sogar recht grosse und starke Menschen. Da sie bei ihrer Geburt ganz unverhältnissmässig klein und schwächlich war, so wurde sie längere Zeit hindurch in Watte gehüllt und mit allergrösster Sorgfalt gepflegt, um sie am Leben zu erhalten.

Heute erfreuen sich die kleinen distinguirten Herrschaften der besten Gesundheit und sind trotz ihrer winzigen Körper sogar recht kräftig. Vor etwa vier Jahren begegneten sie sich zum ersten Male in Ungarn, und da nicht nur die Gleichheit des Körperbaues allein, sondern auch die der Gesinnungen sie geistig näher zusammenführte und endlich die Existenzfrage auch mit in die Wagschale fiel und eine gegenseitige Zuneigung ausschlaggebend wurde, so entschlossen sich die beiden Naturwunder, gemeinsam auf Reisen zu gehen. Da der Herr Marquis nun aber den moralischen Werth und die Liebenswürdigkeit seiner kleinen Reisegefährtin sehr bald kennen und schätzen lernte, da trug er ihr kurz entschlossen Herz und Hand an, und nach einiger Zeit wurde das Ehebündniss mit grossem Pomp in der Eglise de Madelaine in Paris geschlossen.

Das kleine Menschenpaar reist heute noch auf dem Continent und lässt sich vom Publicum bewundern, und der Impresario hat sich ein bedeutendes Vermögen dadurch erworben.

Leo Whitton

der canadische Coloss